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Die Krise
sind wir selbst!
Hätten Manager und wir alle mehr Mut, hätten
wir keine Krise.
Was benötigt
die Wirtschaft in der Krise? Was fehlt den Betrieben und den Unternehmern,
den Arbeitssuchenden und nicht zuletzt den Personalabteilungen? Es
mag uns nicht gefallen, aber die Antwort heißt: Mehr Mut. Mut
ist, wenn man tut, was man kann. Mut ist die wichtigste Eigenschaft
erfolgreicher Menschen. Und der Mensch ist der wichtigste Faktor in
der Wirtschaft. Ohne uns geht immer noch nichts. Doch unsere wichtigste
Tugend scheint langsam, aber sicher verloren zu gehen.
Jeden Tag erleben wir unsere Mutlosigkeit.
Bei Mitmenschen, Mitarbeitern, Vorgesetzten und mit dem nötigen
Maß an Ehrlichkeit auch an uns selbst können wir
den Mangel an Mut entdecken.
In modernen Gesellschaften werden
Risiken systematisch beseitigt: Alles kann versichert werden, unser
Leben wird staatlich, betrieblich und sogar wissenschaftlich-prognostisch
immer risikoärmer gestaltet. Neunzig- und Zweihunderttagelinien
schaffen an der Börse scheinbare Sicherheit. Wirtschaftsprognosen
vom EG-Schweinepreiszyklus bis zur Kondratieff-Welle vermitteln ein
Gefühl der Überschaubarkeit.
Solange wir uns an Direktiven
»von oben« halten, kann uns nichts Unvorhergesehenes passieren.
Wir glauben, daß alles gut werden wird. Aber nur wer gegen den
Strom der Gutgläubigen handelt, hat wirklich eine Chance. Das
gilt für den Maturanten, der mehr lernt als unbedingt notwendig
erscheint, genauso wie für den Vorstandsvorsitzenden, der auf
Innovationen drängt, obwohl doch »eh alles so gut läuft«.
Sonys Walkman ist das Ergebnis des Alleingangs eines solchen nimmermüden,
mutigen Vorstandsvorsitzenden. Die wenigsten von uns werden jemals
ein klassisches Erfolgsprodukt der Wirtschaftsgeschichte schaffen.
Doch mangelnder Mut bringt uns alle um Erfolge, die wir haben könnten,
wenn wir es getan hätten, täten, tun würden
Denn
Erfolg ist, wenn man hingeht.
Mangelnder
Mut hat viele Gesichter, aber nur ein Prinzip: Flucht.
Flucht
nach unten (Inkompetenz).
»Fragen
Sie den Chef. Ich kann das nicht entscheiden.« Der Vorgesetzte
wird in den Vordergrund geschoben. Inkompetenz könnte ja durch
Fragen, Lernen und schließlich Wissen beseitigt werden. Aber
den Mut dazu müßte man halt haben. »Die Amateure
machen Panik, die Profis untersuchen die Sache.« Das meint
Andrew A. Lanyi, der wahrscheinlich bekannteste und erfolgreichste
amerikanische Börsenmanager in seinem spannenden Buch: »Confessions
of a Stockbroker«.
(Andrew
A. Lanyi: Confessions of a Stockbroker, 1992, ISBN 0-13-175746-6)
Flucht
nach vorne (Schuldzuweisung).
»Frau
Winter macht das.« Der Manager hat gehandelt, aber er weiß
genau, daß die ihm untergeordnete Mitarbeiterin das nicht
bearbeiten oder entscheiden kann. Frau Winter, der auch der Mut
fehlt, sich zu wehren, wird so scheinbar schuldig. Der Manager kann
sich in seiner Verzweiflung über die unfähigen Mitarbeiter
baden.
Flucht
zur Seite (Unzuständigkeit).
»Da
bin ich nicht zuständig. Fragen Sie die Abteilung nebenan.«
Das heißt: Ich weiß nicht, ich kann nicht, ich will
nicht. Diesen Trick kann jeder Schalterbeamte nutzen, aber die Flucht
zur Seite kann auf allen Ebenen angewandt werden. »Wir lassen
eine Marktuntersuchung durchführen.« Das heißt:
Wenn etwas schief geht, dann haben wir »alles« getan,
was in unserer Macht steht. Schuld sind dann die Marktforscher,
und die können wir ja bei der nächsten Fragestellung auswechseln.
Die Marktforscher werden sich ihrerseits gegebenenfalls mit Begriffen
wie »mangelnde Vorgaben seitens des Auftraggebers«,
»Zielgruppenverfehlung« und anderen sprachlichen Verschleierungsmechanismen
herausreden. Der Mut zur Wahrheit verlangt manchmal eben ein ehrliches.
»Ich habe mich geirrt.« Das hört man aber nur von
den wirklich Erfolgreichen. Der Mittelstand auf der Erfolgsskala
arbeitet mit Schuldzuweisungen und Entschuldigungsmechanismen.

Drei
Männer, die niemals berühmt geworden wären, hätten
sie nicht den Mut gehabt, eingefahrene Geleise zu verlassen: Albert
Einstein, Ferdinand Porsche, Mark Twain
Flucht
in die Zeit.
»Da
warten wir noch.« »Jetzt ist es zu spät.«
Es existiert eine kombinierte
Variante: »Erst mußten wir ja noch abwarten, jetzt aber
ist es schon zu spät.«
Flucht
in die Isolation.
Auch
scheinbar oder wirklich mangelnde Kommunikation, nach oben und unten
wie auch zur Seite hin, ist eine Flucht aus der Verantwortung. Nur
nicht herausfinden müssen, daß etwas anderes überhaupt
in Erwägung gezogen werden könnte.
Die Entfernung
von der eigentlichen Aufgabe des Managements, nämlich die Leistungen
vieler Mensehen zu integrieren und so zu optimieren, beginnt
beim Nicht-Nachfragen und geht über das Nicht-Zuhören
bis zum bewußten Ignorieren besserer Lösungsvorschläge.
Die Einsamkeit des Managers, ein Produkt der Renaissance-Idee »Individualismus«,
die Abgrenzungswut und unbegründetes Konkurrenzdenken sind
Ursachen unzureichender Kommunikation. »Lieber
alleine durchwurschteln als gemeinsam wirklich erfolgreich sein«,
lautet das heimliche Motto der Mutlosen. Selbst die einfache Frage
»Was meinen Sie dazu?« verlangt schon ein Minimum an
Mut, ganz zu schweigen von eigenen Vorschlägen. Fluchtbereite
Hasenfüße sind wir alle, aber die erfolgreichen Menschen
sind jene, die sich dieser Fluchtmechanismen möglichst selten
bedienen. Denn Erfolg ist, wenn man den Mut zur Verantwortung besitzt.
Mut und Verantwortung zeigen bedingt den Einsatz der ganzen Person.
Wer wirklich Verantwortung übernimmt, der fährt Taxi,
wenn es schief gegangen ist. Mark Twain, der Flußschiffer
und Schriftsteller, Joschka Fischer, der Taxifahrer und Spitzenpolitiker,
und Knut Hamsun, der Straßenbahn-Kondukteur und Nobelpreisträger,
sind Beispiele für Mut. (Allerdings müssen wir auch Nicolo
Macchiavelli erwähnen, der verhungert ist.)
Verheerende
Auswirkungen zeigt das Bündnis der Mutlosen in den Unternehmen.
Das größte Hindernis sinnvoller Personalpolitik ist meistens
die Personalabteilung: Mutlose stellen Mutlose ein. Der mutlose
Bewerber hofft mit geputzten Schuhen, frisch vom Friseur kommend
und mit einem ebenso freundlich frisierten Lebenslauf einen guten
Kandidaten darzustellen. Der Mitarbeiter der Personalabteilung versucht
das Unternehmen darzustellen. Beide können zumeist nichts entscheiden.
Der Interviewer ist nur an einem Arbeitsverhältnis wirklich
interessiert: seinem eigenen. Er erhält sich seinen Arbeitsplatz,
indem er jeden Kritikpunkt, den seine Vorgesetzten an seiner Empfehlung
haben könnten, auszumerzen versucht. Wichtige Fragen werden
nur selten gestellt: »Wie schnell können Sie sich einarbeiten?«
»Was würden Sie als erstes tun?« »Was täten
Sie, wenn...?« Ein Fragebogen mit Punktverteilung ist da viel
»sicherer«.
»Sie
hören von uns.« Das heißt »Ich darf nichts
entscheiden« oder »Ich habe nicht den Mut, Ihnen gleich
zu sagen, daß wir Sie nicht brauchen können.« Die
Qualitäten, die angeblich beim Kandidaten gesucht werden, fehlen
beim Interviewer: Mut zur Entscheidung, schnelles Handeln, Offenheit
und Ehrlichkeit. Und so sehen die Ergebnisse dieser Entscheidungsprozesse
dann auch aus: Das uninteressante Mittelmaß gutfrisierter,
aber mutloser Mitarbeiter wird weiter aufgestockt. Die, die das
Leben voll angehen, werden nur selten eingestellt. Die Personalabteilungsmitarbeiter
haben Angst vor den mutigen Leuten, denen sie so wenig ähnlich
sind, und suchen Gründe, jene abweisen zu können. Der
erste Schritt in eine blühende Unternehmerzunft ist schon oft
das -zigste »erfolglose« Einstellungsgespräch gewesen.
Für
die hartnäckig Mutigen bedeutet das noch lange nicht das Aus:
Na gut, dann darf man die Früchte der eigenen Arbeit eben nicht
mit einem ignoranten Unternehmen teilen. Wieder befindet man sich
in bester Gesellschaft: Albert Einstein, Ferdinand Porsche und T.S.
Elliot waren solcherart Abgewiesene.
René
Scholz
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